Hesch gwüsst ...?

Die Eisenbahn "Läufelfingerli"

 

Heimatkunde. Beschreibende und geschichtliche Darstellung der Gemeinde Läufelfingen. 1865 von Lehrer H. Buser

 

Das grosse Unglück im Hauensteintunnel

 

Zur Zeit dieser Katastrophe war der Stollen auf der Südseite des Tunnels bereits 5700 Fuss tief in den Berg getrieben und zwar 2760 Fuss über den Schacht Nr. 1 hinaus, und durchschnittlich war etwas mehr als die Hälfte dieser Strecke gewölbt. Das Arbeiten in den vorgerückten Räumen wurde aber durch zu starke Anhäufung von Pulver- und Öl dampf immer beschwerlicher. Daher versuchte man durch ein Feuer, das auf ein Gerüst gestellt war, unterhalten wurde, einen besseren Luftzug herzustellen, was auch wirklich gelang. Ein eisernes Rohr leitete den Rauch und die erwärmte Luft in den Schacht hinauf.

Am 28. Mai 1857, nachmittags 1 Uhr, faste die hölzerne Einwandung des Schachtes, aus einer noch nie gehörig ausgemittelten Ursache, Feuer, und plötzlich sah man die Flamme mit ungeheurer Gewalt aus der oberen Öffnung des Schachtes emporlodern, begleitet von einer himmelhohen Rauchsäule. Noch hatte die auf den Ruf der Sturmglocken herbeigeeilte Löschmannschaft keine Ahnung der furchtbaren Katastrophe, die eingetreten war. Aber bald ertönte die Schreckenskunde, dass ein Teil des Schachtes eingestürzt und eine Menge Arbeiter in dem hinteren des Stollens abgesperrt seien. Etwa siebzig Arbeiter, die in einer kurzen Entfernung hinter dem Schacht arbeiteten, konnten sich noch durch schnelle Flucht retten, aber zweiundfünfzig zu hinderst im Stollen Arbeitende waren hierdurch lebendig begraben. Zwar war im ersten Moment die Hoffnung für Rettung derselben noch keineswegs erloschen, weil man glaubte, den Schuttkegel in kurzer Zeit durchbrechen zu können.

Auch wurde ohne Zeitverlust zur Errichtung des Zweckes die grössten Anstrengungen gemacht, und bereits nach 3 Stunden hatte man einen Stollen von 4 Fuss Länge in den Schuttkegel hineingetrieben. Allein jetzt begann sich ein Feind zu zeigen, gegen den all Anstrengungen in dieser Weise, alle Hingebung und aller persönliche Mut fruchtlos waren. Aus dem noch immer verkohlenden Gebälke des Schachtes, das mit Liasmergel überschüttet war, entwickelte sich das giftige Kohlenoxydgas Massenhaft, und schon Abends 6 Uhr musste man in Folge dessen einzelne ohnmächtig gewordenen Arbeiter hinaustragen. Immer schneller musste die Ablösung erfolgen. Von 10 zu 10 Minuten wurde frische Arbeiter auf Rollwagen hinein- und herausgefahren. Aber auch dieses half bald nichts mehr. Ganze Waggons voll Ohnmächtiger wurden hinausgebracht. Allein unaufgefordert folgten stets andere Arbeiter nach und drängten sich sogar hinzu, um trotz eigener Lebensgefahr, ihren Brüdern Rettung zu bringen. Es war ein Schauspiel, wie es nur die heldenmütigste Aufopferung auf einem Schlachtfelde in gleicher Weise zu bieten vermag. Da lagen ausserhalb des Tunnels in langen Reihen oft 70 bis 80 Ohnmächtige auf Stroh gebettet unter der Behandlung der Ärzte. Immer frische Arbeite: drängten sich hinein, denn von Arbeitseinstellung wollten sie nichts hören: „Wir wollen unsere Brüder retten!“ hörte man rufen, und mit diesem Losungsworte stürzten sie todesmutig in den Schlund – gleich Helden in der Schlacht. Ja, in diesen erschütternden Stunden konnte sich der Glaube an wahre Männertugend und Seelengrösse wieder neu aufrichten, konnte man wieder erkennen lernen, welch ein grosses, edles Herz oft unter dem rauen Kleide des Arbeiters schlägt!

Abends 10 Uhr brachte man zwei Arbeiter heraus, die nicht mehr zu Leben erwachten. Es wurden beständig Waggons mit frischen Arbeitern in den Tunnel gefahren, nur um die darin Niedergefundenen aufzuladen und an die freie Luft zu bringen. Später wurden wieder zwei Tote herausgebracht. An der Durchbrechung des eingestürzten Schachtes konnte jetzt nicht mehr gearbeitet werden, denn in der Nähe desselben löschten Lichter und Fackeln aus, und die Arbeiter sanken bewusstlos nieder, bevor sie beim Schacht angelangten. Nachts 11 Uhr wurden die Arbeiten eingestellt, nachdem der Stollen auf 10 Fuss eingetrieben war.

Man Schritt nun zu Versuchen, das Gas zu entfernen. In möglichster Eile wurden die Feuerspritzen von Zofingen und Aarburg, Olten und Trimbach herbeigeschafft und Wasser in den Tunnel gespritzt, um so das Gas zu vertreiben und nach und nach vorzudringen. Bald überzeugte man sich aber, dass dieser Versuch nichts nützte, denn die Arbeiter fielen neben den Spritzen in Ohnmacht. Ebenso wenig halfen grosse Strohfeuer, die man an der Mündung des Tunnels machte, und ausgespannte Tücher von der Grösse der Tunnelöffnung, mit denen man das Gas hinausdrängen wollte. Am Abend des 29. Zählte man bereits 11 Tote. Zwei der Verunglückten waren Läufelfinger, nämlich Abraham Strub, Rothackers, und Johannes Müller, Hämmenhansen.

Man hatte indessen während dieser letzten Versuche keine Zeit verloren, um die Vorbereitungen zu einer wirksameren Angriffsweise zu treffen. Es wurde in Aarau, Basel, Luzern und Burgdorf eilig hölzerne Luftrohre von zusammen 6000 Fuss Länge bestellt, um durch dieselben mittelst eines grossen Ventilators (einer Rennle ähndlich) und einer Dampfmaschine mit Gewalt frische Luft in den Tunnel zu treiben. Am Abend des vierten Tages nach der Verschüttung begann die Maschine zu arbeiten, und bald erwies sich diese Angriffsweise als die richtige. Rohr um Rohr wurde gesteckt und immer weiter konnte man vordringen. Nach zwei Tagen war man am Schacht angelangt und der Stollen wurde wieder in Angriff genommen.

Endlich, am neunten Tag derVerschüttung, war der Trümmerhaufen durchbrochen und man konnte in die Schreckenshöhle eindringen. Verwesungsgeruch verbreitete sich, und bald fand man zunächst hinter dem Schacht 31 bis zu Unkenntlichkeit entstellte Leichen. Am folgenden Tag fand man die übrigen 21 Leichen. Sie hatten sich, wie es Scheint, nachdem sie die gefährliche Luft beim Schacht wahrgenommen, zurückgezogen, und lagen sämtlich fast zu hinterst im Stollen auf einem Gerüste in schönster Ordnung neben einander. Einige dieser Leichen waren noch ziemlich frisch, und die Ärzte glaubten, sie könnten drei Tage vorher noch gelebt haben. Vor dem Gerüste fand man ein geschlachtetes Pferd, und in einiger Entfernung ein Stück Fleisch auf einem Häuflein Holz, woraus sich Absicht, das Fleisch zu braten, deutlich hervorging; allein das Holz war nicht angebrannt.

Mit wenigen Ausnahmen wurden sämtliche Leichen aus Sanitätsrücksichten auf dem alten Kirchhof ausserhalb Trimbach beerdigt. Ein Denkmal ziert jetzt dieses grosse Grab. Das Unglück hatte 63 Menschen das Leben gekostet, von denen 11 bei den Rettungsversuchen umgekommen waren. Unter den Verschütteten waren 26 Schweizer, die übrigen Engländer, Deutsche und Italiener. Auch acht Pferde gingen zu Grunde. Zur Zeit des Unglückes schieb Dr. Felber in der Neuen Zürcher Zeitung: „Aus eurem Grabe, ihr auf dem Felde der Ehre, und im Dienst der menschlichen Gesellschaft gefallenen Arbeitshelden, aus eurem Grabe erschallt eine Stimme, welche fragt: „ Auch wir haben Euch eine Gasse gemacht, sorgt für unsere Weiber und Kinder !““ Und wirklich es wurde gesorgt. Zunächst beschloss die Direktion der Zentralbahn folgendes:

    JedeWitwe erhält Fr. 1`000.-

    Kindererhalte Pensionen, und zwar jährlich:

      a.    1 Kind                80 Franken

      b.    2 Kind               150 Franken

      c.    3 Kind               210 Franke

      d.    4 Kind              260 Franken

      e.    5 Kind              300 Franken

       

      Jedesweitere Kind 40 Franken bis zum achtzehnten Jahre. Überdies wurden jedem Kinde 100 Franken in die Sparkasse gelegt.

      DieEltern eines Verunglückten erhalten 300 Franken.

       

Auch die Bevölkerung des ganzenVaterlandes beteiligte sich sofort an dem Werke der Menschenliebe. Sogar das Ausland blieb nicht zurück, und bald war eine Summe von über 60`000 Franken zusammengesteuert. Eine besonders dazu aufgestellte Kommission sorgte für zweckmässige Verwendung der Gelder und beaufsichtigt auch gegenwärtig noch die Erziehung der Kinder. (Ein Mitglied desselben ist Herr Pfarrer Buser in Läufelfingen.)

 

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