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Beschreibende und geschichtliche Darstellung der Gemeinde Läufelfingen,18. April 1865                          H. Buser, Lehrer
 

I.              Entstehung des Dorfes und Rückblick auf die älteste Geschichte der Gegend.

 

Wie über die meisten Ortschaften, deren Ursprung bis in die Zeiten des Mittelalters und noch früher zurückreichen, in Bezug auf ihre Entstehung keine oder spärliche und oft nur fragenhafte Nachrichten vorhanden sind, so ist es auch mit Läufelfingen der Fall. Jedenfalls ist es eines der älteren Dörfern des Kantones, was hauptsächlich aus den zwei Gründen anzunehmen ist, dass es an einem alten Gebirgsstrasse liegt, dem unteren Hauenstein, und in der Nähe der alten Homburg liegt. Vielleicht war es aus erstem Grund schon zur Zeit der Helvetier und Römer eine Niederlassung hier, welche sich dann unter der fränkischen Herrschaft und in Folge des Baues der Homburg nach und nach vergrösserte. Dass das Dorf schon im Jahre 1236 existiert hat, ist so ziemlich erwiesen, indem nach einer Urkunde Heinrich Bleblanus (Leutprister) damals der Kirche zu Homberg vorstand. Der Sage nach soll vor alten Zeiten eine Kapelle im Dorf gestanden sein, in der die Reisenden ihre Andacht verrichteten, wenn sie von Sissach her, durch lange wilde Waldwege kommend, über den Hauenstein nach dem Buchsgau gingen, oder wenn sie ihn von dorther glücklich überstiegen hatten. Ja man meint, es sei mit dieser Kapelle eine Art Hospiz (vielleicht das erste grössere Gebäude der Gegend) verbunden gewesen zur Beherbergung und Verpflegung der Reisenden, denn es, im Pfarrhaus ein Almosen verabreicht wurde. Existierten Stiftungen mit reichen Dotationen aus alter Zeit, von denen Ertrag jedem Reisenden und Wallfahrer, der über den Hauenstein ging oder kam, im Pfarrhaus ein Almosen verabreicht wurde. Dieser Brauch bestand noch bis ums Jahre 1820, wo ein Teil der Kirchengüter eingezogen wurden. Zudem wurden früher im Dorf Spuren eines Kirchhofs gefunden.

 

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Wie aber im Orte alles so nach und nach gekommen, von Jahrhundert zu Jahrhundert verändert, das ist nur zum kleineren Teile einigermassen nachzuweisen, zum weit grösseren Teile aber bloss zu vermuten. Will man sich eine Vorstellung der wichtigsten Entwicklungsmomente machen, so denkt man sich in die Zeit zurück, wo die Wogen des Meeres hoch über Felder und Wiesen standen (nach der biblischen Zeitrechnung 4000 J. v. Chr. Wir wollen mit den Millionen Jahre der Gelehrten warten bis sie etwas bestimmter geworden sind.), und der Schöpfer sprach: „Es sammle sich das Wasser an besonderen Örter, dass man das Trockene sehe.“ Wo dann durch gewaltige Erdbeben nach und nach die Berge sich über das Wasser erhoben und vielleicht der Wiesenberg, eine einsame Insel, der Hauenstein ein ödes Felsenriff war. Oder woher kommen die die versteinerten Austernschalen, die Graphiten, Amonshörner und Seeigel, bis auf die Höhe des Hauensteines und auf unsere Feldern gefunden werden, woher die Fischabdrücke und versteinerten Krebse im Aadliken Steinbruch, woher endlich die Haifischzähne, die man schon hier gefunden, wenn die Wellen des Weltmeeres nicht einst an die Felsen unserer Berge geschlagen hätten?

Versetzen wir uns dann um drei Jahrtausende später (100 v. Chr.) und werfen einen Blick über die Heimat, so sehen wir das Meer längst in seine jetzigen Grenzen zurückgetreten und dichter Urwald bedeckt berge und Thal. Tausendjährige Eichen, gewaltige himmelanstrebende Tannen mit Moos und Alpenkränzen behangen und wildes Dorn- und Hasel Gestrüppe überschatten den Boden, wo jetzt Gärten und Saatfelder prangen, und brausend Stürzen aus den Schluchten und über Felsen die durch den feuchten Waldgrund reichlich genährten Bäche dem Thale zu, reissen nach Herzenslust hinweg, was ihnen im Wege ist und begraben tief im Schlamm und Sand die durch Blitze und Alter gestürzten Riesenstämme. Oder woher kommen die Holzstücke, die halbverfaulten Baumstämme, Tannzapfen, Schneckenhäuser, Haselnüsse und Hirschgeweihüberreste, die beim Ausgraben des Tunneleinschnittes und des Kanalschachtes dreissig und mehr Fuss tief im Moorboden gefunden wurden?

Die Schlucht, worin jetzt die niedere Mühle steht, ist geschlossen, das Unteregg und Hiirzefäld stossen in ebener Fläche zusammen und im Talgrunde, wo nun die Säge und das Unterdorf sich erheben, breitet sich ein einsamer Bergsee aus. In der Höhe der Mühleflüh ist der Ausfluss und seine Fluten stürzen sich im prächtigem Wasserfall ins untere Talbecken, das bei der Bapuurfluh oberhalb Buckten ebenfalls geschlossen ist und einen zweiten tieferliegenden See beherbergt. Oder, woher kommt der schwarze Moorgrund der oberen Talsohle, in den man an manchen Stellen mit Leichtigkeit 20 Fuss lange Stangen hineintreiben kann und der die Herstellung des Stollens so sehr erschwerte? Woher die Tuffsteinfelsen hoch an den Seiten der engen Talschlucht und die Waschlöcher a der Bapuurfluh? Und stellt diese Behauptung nicht der berühmte Geologe Gretzli auf, der unsere Berge innen fast kannte wie aussen?- Auf freien Stellen weidet der stolze Hirsch, das schlanke Reh, keinen Jäger haben sie zu fürchten, dagegen lauert auf sie der gewaltige Bär, der blutgierige Wolf und sorglos macht Meister Reinecke seinen räuberischen Spaziergang. Noch manches andere liesse sich ausmalen, allein wir eilen um ein halbes Jahrhundert weiter (500 J. v. Chr.) und blicken wieder über die Gegend. Die abfliessenden Wasser des Sees haben gegen das untere Tal hin ihre Bette mehr als Kirchturms tief ausgefressen und den hemmenden Wall durchbrochen, der See ist abgeflossen, sein klarer Spiegel verschwunden und schäumend fallen im wilden Sturze die vereinigten Bergbäche in die Schlucht, über der jetzt die Säge steht, und drängen sich durch das enge Bett weiter. –Eine Rauchsäule erhebt sich im Talgrunde. Sie steigt aus einigen armseligen Hütten empor, die am Bach sich erheben. Wilde, aber kräftige Männer stehen, an ihre Jagtspitze und Bogen gelehnt, dabei, und reden in unverständlicher Sprache. Tierfelle und grobe Leinwand bekleiden notdürftig ihre schlanken Glieder. Es sind die ersten Menschen, welche sich auf unserem Boden niederliessen. Aus fernen Landen ist ihr Stamm durch die Wildnis bis ins heutige Baselbiet gedrungen, den Bächen nach sich in die Täler verbreitend; Rauracher nennen sie sich und leben rau und wild fast wie des Waldes Tiere, mit denen sie kämpfen und von denen Fleisch sie sich nähren.

Einige Jahrhundert später steigen wieder Rauchsäulen auf im Tale, aber gewaltiger als sonst und Brandgeruch verbreitet sich. Die Hütten stehen im Brand, doch niemand jammert und Männer, Weiber und Kinder ziehen kampfgerüstet davon. Steigen wir aber auf den Wisenberg und schauen hinab und hinüber an den Rhein, hinauf in die Aue der Aare, Reuss und Limmat, so sehen wir überall solche Rauch- und Flammensäulen aufsteigen und die Schaaren des Volkes sich sammeln. Es sind die tapferen Helvetier und Rauracher, welche ihre Dörfer angezündet haben und nach Gallien ziehen wollen eine bessere Heimat zu suchen (57 J. v. Chr.). Aber nicht lange währt` s, so sehen wir das Tal hinauf wieder ein Häuslein unserer ausgewanderten Urahnen daherkommen, müde und matt, niedergeschlagen und elend. Mancher kräftige Mann fehlt und traurig stehen die übrigen die Brandstätten ihrer Hütten an. Ihnen folgt bald eine Schaar römischer Soldaten. Sie hauen den engen Waldweg breiter aus, Sie steigen hinauf bis auf den Hauenstein und schauen hinab zur Aare. Dort winken ihnen schon die Adler anderer Legionen und erheben sich die Grundmauern eines Kastells. Ein Saumweg wird angelegt, die Verbindung der Täler herzustellen. Er führt am Gsiggraben hinauf über den Muren, das Saal- und Erlimoos zur Aare hinab und bald übersteigen beladene Maultiere unter Römischer bedeckung den Berg.  Mag nicht das Eseleisen,  das vor Jahren beim  Gabholz machen am Gsiggraben tief in den Wurzeln eines uralten Buchenstockes gefunden wurde, aus dieser Zeit stammen?

Schon wird es lichter um die neu erbauten Hütten. Die gewaltigen Bäume fallen unter dem Streichen der römischen Gerte, kleine Getreideäcker beginnen sich auszubreiten und Rinder und Ziegen weiden am Bach und im Gesträuche. Aber eine andere Zeit kommt (400 nach Chr.). Wilde Horden aus fernen Erdstrichen brechen ins Land. Die Römer werden in blutigen Schlachten geschlagen. Die stolze Augusta geht mit all den neu gegründeten Dörfern und Kapellen in Flammen auf. Ein Volk verdrängt das andere, ein Stamm unterjocht den anderen. Völkerwanderung hiess diese Zeit, und wieder sass menschenleer und öde ist die Gegend geworden. Doch bleibt endlich ein Volk Herr des Landes (534- 879). Es sind die Franken und Karl der Stolze hiess ihr mächtiger König. Aber nur die Gewaltigen unter dem Volke geniessen der Freiheit, die anderen sind Knechte. Schlösser und Burgen bauen jene auf den Hügeln und Felsen des Landes, diese sicherer zu beherrschen. Die Frohburg erhebt sich stolz ihre Zinnen über die Gefilde des Buchsgaus, und in wilder Jagt und blutiger Fehde suchen seine Grafen ihr Vergnügen. Das Hüsthorn und der Rüden Gebell durchhallen unsere Wälder. –Zwei ritterliche Jäger stehen auf dem Fels, wo jetzt die Trümmer der Homburg liegen. „Her ist`s schön!“ ruft der Eine! „ja hier soll meine Burg stehen!“ sagt der andere und bald schauen die hohen Zinnen der Homburg fest und kühn ins Tal. Die Wäldchen schwinden unter den Streichen der leibeigenen Bauern und Strohdach an Strohdach erhebt sich, wo jetzt Läufelfingen steht. Fromm sind die edlen Grafen von Homburg; sie wollen auch der Christuslehre, die heiligen Männer gebracht, eine Burg bauen und bald ertönt der feierliche Klang der Kirchenglocken durch`s Tal- Läufelfingen ist gegründet.

Was die Entstehung des Namens betrifft, so ist kaum eine sichere Erklärung möglich. Die Schreibart blieb sich seit Jahrhunderten fast gleich. Wursteisen schreibt in seiner Chronik vom Jahre 1580 „Leuffelfingen“, Grotz (1624) „Läuffelfingen“, welche letztere Schreibart sich von der gegenwärtigen nur durch den ff unterscheidet. Am nächsten liegt die Ableitung des Stammes von Laufin= Lauffen (schwitzendes Wasser), indem zu früheren Zeiten, wie zum teil jetzt noch, zwischen dem Dorfe und der Niederen=Mühle eine bedeutende Wasserschnelle gewesen sein muss, die zwar in Folge von Strassenbauten und Wassergüssen teilweise verändert und abgetragen wurde, deren Spur sich aber noch leicht nachweisen lässt. Die Endsilbe „fingen“ kommt von dem jetzt veralteten Worte „inka“ oder „inga“, das früher, wie jetzt noch, ein Sein bedeutet. Es wurde als Wortendung gebraucht, um damit die Eigentümlichkeit einer Gegend auszudrücken, man setzte ihm aber das Wortlautes wegen gewöhnlich den Buchstaben L vor, und nannte z.B. eine Gegend, wo ein gäher Abhang oder Stutz war, Stutzrliga ( Stützligen), und wo eine Wasserschnelle (Lauffen) war Laufinlinga (Läufelfingen).

 

Quelle: Beschreibende und geschichtliche Darstellung der Gemeinde Läufelfingen,18. April 1865                          H. Buser, Lehrer

 

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